Ein Arbeitszeugnis muss in der Schweiz wohlwollend formuliert sein – gleichzeitig muss es der Wahrheit entsprechen. Aus diesem Spannungsfeld ist über die Jahre eine Art Geheimsprache entstanden: Formulierungen, die freundlich klingen, aber für Eingeweihte eine klare Botschaft tragen. Wer diese Codes nicht kennt, übersieht möglicherweise, dass das eigene Zeugnis weit weniger gut ist, als es klingt.
Dieser Beitrag entschlüsselt die wichtigsten Formulierungen – damit du weisst, was wirklich über dich geschrieben steht.
Das Schweizer Arbeitsrecht verlangt ein wohlwollendes Zeugnis, das das Fortkommen der angestellten Person nicht unnötig erschwert. Gleichzeitig darf der Arbeitgeber nicht lügen. Die Lösung der Praxis: Kritik wird nicht offen ausgesprochen, sondern durch Abstufungen in scheinbar positiven Sätzen ausgedrückt. Entscheidend ist deshalb nicht, ob ein Satz gut klingt, sondern wie gut.
Der wichtigste Code steckt in der Gesamtbeurteilung der Leistung. Achte auf die genaue Wortwahl (Schweizer Notenskala: 6 = beste, 1 = schlechteste Note):
Das kleine Wort «stets» und die Steigerung von «voll» zu «vollst» entscheiden also über eine ganze Note. Fehlt «stets», bedeutet das: nicht durchgehend gut.
Auch ausserhalb der Zufriedenheitsnote gibt es verräterische Wendungen. «Er war ein geselliger Mitarbeiter» kann auf übermässigen Alkoholkonsum anspielen. «Sie zeigte Verständnis für ihre Aufgaben» meint: verstanden, aber nicht umgesetzt. Und wenn das Sozialverhalten vor den Vorgesetzten und erst danach gegenüber Kollegen genannt wird, kann das auf Probleme mit Autoritäten hindeuten. Auch Auslassungen sind ein Code: Fehlt der Dank für die Zusammenarbeit oder das Bedauern über den Weggang, ist das ein deutliches Signal.
Du hast in der Schweiz Anspruch auf ein wahrheitsgemässes und wohlwollendes Zeugnis. Wenn du den Eindruck hast, dass Formulierungen dich schlechter darstellen als gerechtfertigt, kannst du eine Korrektur verlangen. Wichtig ist, sachlich zu argumentieren und konkrete Formulierungsvorschläge zu machen. Eine professionelle Zeugnisprüfung deckt versteckte Abwertungen auf und liefert die passende Gegenformulierung.
Ein Arbeitszeugnis liest man am besten zweimal – einmal für den freundlichen Ton und einmal für die Codes dahinter. Wer die Geheimsprache kennt, erkennt den wahren Wert seines Zeugnisses und kann handeln, bevor es bei der nächsten Bewerbung zum Nachteil wird.
Unsicher, was in deinem Zeugnis wirklich steht? Lass es von uns prüfen – professionell und vertraulich.
Erstgespräch vereinbarenFabienne Zollinger — Betriebliche Mentorin mit eidg. Fachausweis und über 20 Jahren HR-Erfahrung. Sie begleitet Schweizer Unternehmen und Privatpersonen in Führung, Bewerbung, Arbeitszeugnissen und der Digitalisierung von HR-Prozessen.